Verdon (II)

Im Herbst 2017 war ich mit Luki für ein paar Tage in Verdon und ich hinterließ noch viele Touren die ich gerne geklettert hätte. Bilder und Erfahrungen vom letzten Jahr finden sich hier. Diese Woche wollten Johannes und ich eigentlich in die Dolomiten zum Alpinklettern fahren, doch machte ein Wintereinbruch mit Schnee bis unter 2000m alle Pläne zunichte und wir schwenkten auf wärmere, trockenere und nicht mindere attraktive Gefilde um – Verdon und Ailefroide. Die Wettervorhersage war super und wir konnten in Verdon an fünf aufeinander folgenden Tage sechs Touren klettern. Dieses Mal übernachteten wir beim Camping Municipal – le Grand Canyon und können diesen Campingplatz auch weiterempfehlen.

Les Dalles Grises (5b, 5b+, 4c, 5b+ 5c+, 5c): Unsere „Aufwärmtour“. Da Johannes die letzten zwei Wochen mit Hochtouren in den Westalpen verbrachte, wollte er gemütlich starten und so seilten wir zuerst zu den „Dalles Grises“ ab. Eine nette Tour in verdontypischem Fels, nie wirklich schwer und gut abgesichert. Zum Einklettern ganz gut, aber die am wenigsten interessante Route für uns in diesem Urlaub.

Pour une Poignée de Gros Lards (5c, 6a+, 6a+, 5b, 5b, 6b, 6b): Im Anschluss an die Dalles Grises wollten wir eigentlich zum Sektor Saut d’Homme. Dieser war jedoch über den Sommer wegen einem Brutplatz der Geier gesperrt. Also ab zum Sektor La Dérobée. Steiles Abseilen in den Canyon gefolgt von einem gewaltigen Panorama – rundum fast ausschließlich steile bis überhängende Wände. „Pour une Poignée de Gros Lards“ gefiel uns sehr gut – nach kurzer Rampe und ein paar Metern in nicht bombenfestem Kalk gings spätestens ab der zweiten Seillänge in genialstem, oft wasserzerfressenen Fels durch die „Mur raide“ (= steile Mauer). Eine schöne und empfehlenswerte Tour.

Ras le Bolchoi (6b+, 6b, 6b+, 6c, 6c): Nach der steilen Abseilpiste in die Westwand von l’Imbut folgt man einem Stiegerl zu der länglichen Höhle und seilt noch einmal an einem Fixseil zu den Einstiegen von „Ras le Bolchoi und „L’Age de Raison“ ab. Anschließend geht’s annähernd senkrecht durch eine blank wirkende Wand, die aber immer wieder gute Schuppen und wasserzerfressene Passagen aufweist – genial! Die dritte Seillänge ist sehr imposant, denn man quert mit viel Luft unter den Sohlen lange an sehr zerfressenem Fels. Einfach cool und sehr ausgesetzt. Als Johannes am vierten Stand ankam und das Restseil eingeholt hat, habe ich mich an diesem dritten Stand etwas alleinegelassen gefühlt… 😉 Absolut weiterzuempfehlen, wenn man den Schwierigkeitsgrad gut klettern kann, denn ein Rückzug ist praktisch ausgeschlossen und trotz der guten Absicherung ist 6b+ obligat.

Télégrammes (6c, 5c, 5c, 6a, 6a, 6a, 6a, 5b): Ein Klassiker der Remy-Brüder. Nach einem steilen, gar nicht so schweren Kaltstart verläuft die Route vorwiegend in steilen Risskaminen. Trotz der „geringen“ Schwierigkeiten pfeift es auch hier teils ganz schön runter. Eine Route, die klassische Techniken fordert und ein schönes Kontrast- bzw. Antagonistenprogramm nach drei Wandklettereien für uns darstellte. Den Start der vorletzten Seillänge bildet ein recht glatter und gar nicht so leichter Kamin und dessen Einstieg stellt fast die Schlüsselstelle der Tour dar, die in freier Kletterei zu überwinden ist!

La Limite des Possibilités Humains (6c, 6c+, 6a+, 6c, 6c+, 6b/+): Definitiv unser Highlight dieser Woche. Wieder bei l’Imbut – stiegen wir dieses mal circa eine Stunde ab und dann am Wandfuß entlang zum Einstieg dieser imposanten Route. In der ersten Seillänge warten wieder unzählige Schuppen. Im letzten Drittel wird es steil und ganzkörperlich anstrengend. Die zweite Seillänge ist gut strukturiert und ein kleiner Überhang bildet die Schlüsselstelle – anschließend lässt die Seillänge aber noch nicht nach. Nach dem „flachen“ Zwischenstück folgt man in der vierten Seillänge zuerst einer Verschneidung und muss sich im letzten Teil zum Stand hin nochmals ordentlich bemühen. Die fünfte Seillänge ist ein Wahnsinn. zuerst steil in der Wand, dann eine Verschneidung hin zum Überhang, dann eine kurze Platte und abschließend eine weitere sehr gutgriffige, rechtwinkelige Verschneidung in außergewöhnlich exponierter Lage. Zwischen den Beinen hat man gut 150m Luft! Die letzte Seillänge bietet Lochkletterei vom Feinsten. Wir wählen die linke Variante, die sich für 6b ganz schön hart angefühlt hat und man auch nochmal von den Haken wegklettern darf. Diese Route kann ich wärmstens weiterempfehlen – sehr imposant!

Gueule d’Amour (2, 4b, 5b, 6c): Auf diesen Klassiker wurden wir hingewiesen und dieser bildete den Abschluss unserer Verdontage. Nach dem Abseilen schauten wir doch mit großen Augen auf den gut 100m hohen und sehr, sehr tiefen Kamin mit ausladendem Ausstiegsüberhang. In der zweiten Seillänge steigt man so tief nach innen, dass man die vorgeschlagene Stirnlampe gerne aufdreht, denn es ist tatsächlich stockfinster. Der Kamin ist in den ersten beiden Seillänge mancher Orts sehr eng, aber nie schmutzig. Für Platzängstliche vielleicht nicht das Richtige, aber eine Erfahrung der anderen Art. In der letzten Seillänge bekommt man dann den absoluten Gegensatz präsentiert – geht es aus dem engen Kamin in einen Überhang mit knapp 100m Luft unterm Hintern. Weite Züge auf guten Griffen gilt es hier zu meistern – in gewaltigem Ambiente. Eigentlich ein Muss wenn man in Verdon ist, denn so Etwas findet man wahrscheinlich sonst nirgends.

Fazit: Abermals hat Verdon gehalten, was ich mir davon versprochen habe – die Kletterei und der Fels sind super, die Wände meist steil und so wird es schnell einmal luftig – da kommt Freude auf. Auch Johannes war begeistert. Wegen dem warmen Wetter hielten wir uns dieses Mal eher in den westlich exponierten Sektoren unterwegs. Die Wand von l’Imbut ist definitiv eine Besuch wert und es gäbe auch noch andere interessante Routen. Mal sehen, ob ich noch mehr Routen in Verdon klettern darf – Ideen bzw. Projekte hätten wir auch dieses Mal zurückgelassen.

3 Gedanken zu “Verdon (II)

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