Büchsenschuss / Steinbock plus (VII) Dachstein

Der Zustieg zur Dachstein Südwand erscheint mir heute recht anstrengend. Mag vielleicht daran liegen, dass Lisa und ich bereits gestern über die Kombination Top Secret / Neues Land durch diese Wand geklettert sind. Mir kommen Gedanken, ob wir nicht lieber in das Neue Land einsteigen und nach dem Pichlkessel die Top Secret nehmen sollten. Das würde die Wandhöhe auf 600m reduzieren und die Schwierigkeiten sind auch gemäßigter.

Am Einstieg berichtet Lisa stolz, dass wir heute 20 Minuten kürzer als gestern, also 1h20min für den Zustieg gebraucht haben. Vielleicht kam er mir deshalb recht anstrengend vor!? So lasse ich von meinen Alternativplänen ab, halte aber im Hinterkopf, dass bei zu großer Müdigkeit zwei leichtere Notausstiege aus der Wand – einerseits über den Pichlweg bei Wandmitte und andererseits über das Fluchtband etwas weiter oben – möglich wären.

Also nichts wie rein mit uns in dieses 22 Seillängen lange und 800m hohe Unterfangen – die Kombination aus Büchsenschuss und Steinbock plus. Lisa übernimmt die erste Seillänge im oberen fünften Grad. Zuerst ist diese recht steil, dann klettert man eine Verschneidung hinauf und linkshaltend zum ersten Stand. Meine Muskeln fühlen sich gut an und diese ersten Meter kommen mir nicht schwer vor. Die zweite Seillänge hat es aber gleich in sich. Sie ist 50m lang, VI+ und mit vier Bohrhaken und einer fixen Sanduhrschlinge nicht gerade übersichert. Ein langer, steiler, breiter Riss, den man teils als Kamin und teils als Verschneidung klettert, wartet im oberen Teil. Glücklicherweise finden sich im Riss immer wieder gute Punkte um mobile Sicherungsmittel unterzubringen. Die letzten Meter zum Stand bringen mich nochmal leicht ins Schwitzen. Ich erreiche diesen gepumpt und bin spätestens jetzt bestens aufgewärmt. Lisa schwärmt im Nachstieg nur so vor sich hin, wie genial und schön der Fels und die Kletterei nicht sind – da kann ich nur zustimmen.

Nach einer weiteren Seillänge im fünften Grad, die etwas ungut zu Beginn ist, erreichen wir die nächsten Schwierigkeiten. Die folgende VI+ beginnt abermals bei einem Riss, der in diesem Fall eine Platte spaltet. Zwei Friends setze ich schon vor dem ersten Bohrhaken. Dann heißt es gut steigen in der Plattenwand und nach ein paar schönen Zügen hänge ich den zweiten Bohrhaken ein. Anschließend führt eine lange Rissverschneidung zum Stand. Lisa steigt danach den zuerst steilen, dann plattigen und weit abgesicherten VIer souverän durch und ich kann die wunder-schöne Kletterei im Nachstieg genießen. Die Strukturen im unteren Teil sind cool und im oberen darf man wieder die phänomenale Reibung des Dachsteinkalks auskosten.

Die folgenden sechs Seillängen sind schön und stellen uns vor keine größeren Probleme. Als wir diese hinter uns gelassen haben und am 11. Stand etwas essen ist klar, dass wir keine der Fluchtmöglichkeiten nehmen wollen. Wir fühlen uns gut und fit. Von hier geht es kerzengerade zwei Seillängen in super Fels empor und man erreicht die Abzweigung zur Steinbock plus. Nachdem wir das Band nach links genommen haben, stehen wir unter der Schlüsselseillänge im VII. Grad. Hier handelt es sich um senkrechte Wandkletterei auf wunderbar, wasserzerfressenem Fels – genau mein Metier sozusagen. Ein Schulterzug da, einer dort – drüberschieben, dann eindrehen, schütteln – Taschen, Leisten und Henkel nehmen – noch ein paar steile Meter und ich erreiche den Stand – juble nach unten – das Schwerste ist geschafft – wie genial war diese Seillänge?

Wir überqueren das Fluchtband und es folgt weiter senkrechte Wandkletterei. Die Wolken haben uns nun eingefangen, sodass man fast nicht von einem Stand zum nächsten sieht. Dadurch wird es auch gleich kühler. Der Fels ist hier rau, fest und wasserzerfressen – ein absoluter Traum! Nach drei Seillängen haben wir den 17. Stand („mit Südwandblick“) und den abschließenden Wandpfeiler erreicht. Auf uns warten drei schwere Seillänge (VI+, VI+ und VII-) und ein Ausstiegskamin.

Die 18. Seillänge beginnt sehr steil, ja sogar überhängend. Der Fels ist abermals vom allerbesten. Die Wolken haben sich nun wieder verzogen und das Ambiente könnte nicht schöner sein. Wandkletterei mit knapp 650m Luft unter den Sohlen – was will man mehr? Man muss sich hier gut festhalten und die Hakenabstände sind auch wieder weit – mobile Sicherungen kann ich nicht legen. Die 19. Seillänge beginnt kräftig und ich bin sehr froh, als ich den Henkel rechts endlich sehe und den ersten Haken einhängen kann. Einen Standsturz hier heroben möchte ich dringenst vermeiden. Anschließend wird es etwas leichter und so lässt sich die Exponiertheit und der Zwang zur freien Kletterei gut aushalten. Ich kann nur nocheinmal betonen, dass der Fels in Bezug auf Festigkeit und Strukturiertheit hier keine Wünsche offen lässt. Die 20. Seillänge ist abermals sehr steil und man muss sogar drei Überhänge überwinden und das mit soviel Luft darunter – sehr eindrücklich. Meine Kräfte schwinden schön langsam, sodass mir der Knieklemmer beim letzten Überhang sehr gelegen kommt. Nocheinmal nehme ich alle Reserven zusammen, überwinde diesen so schnell es geht und rette mich in die strukturierte Platte. Überglücklich erreiche ich kurze Zeit später den Stand. Nun sollte dem Durchstieg aller Seillängen nichts mehr im Weg stehen. Lisa steigt wahnsinnig schnell nach und ebenfalls durch – dann übernimmt sie die letzten beiden Längen.

Vor uns liegen noch 70m Kaminkletterei im fünften Grad. Der Einstieg in den ersten Kamin ist nochmal überhängend und anstrengend, aber danach lässt sich das meiste mit einer guten Fußtechnik entschärfen und wir gelangen im Rotpunktstil zum Ausstieg dieser sensationellen Tour. Welch ein Erlebnis, das ich noch lange nicht vergessen werde. Nach zwei Tagen liegen 1550m Wandhöhe und 49 Seillängen hinter uns. Wir sind froh keine Kletterschuhe mehr anziehen zu müssen. Es ist übrigens nun genau 18:00 und die Bahn wird uns somit nicht mehr ins Tal befördern. So wird Lisas Idee, den Dachstein by fair means zu machen, diskussionslos umgesetzt. Dieser Abstieg zunächst zur Gondel, dann über den Hunerschartensteig, vorbei an der Südwandhütte und zurück zum Parkplatz setzt noch einen wirklich schönen Schlusspunkt unter dieses Wochenende. Zwei Stunden sollte es dauern und wir kommen beim allerletzten Licht und noch ohne Stirnlampen unten an. Hinterher schmeckt das Schladminger Biozwickl auf der Türlwandhütte auch oder gerade nach so einem Tag hervorragend. So hervorragend, dass eines gar zu wenig ist… 😉

Fazit: Unsere eindrücklichste Alpintour bis dato! Wer sich dem Schwierigkeitsgrad und der Absicherung gewachsen fühlt, sollte einsteigen. Der bombenfeste, wasserzerfressene Fels, die schönen, steilen Seillängen, die beachtliche Wandhöhe und die brutale Ausgesetztheit im oberen Teil lassen keine Ausreden zu, sich nicht diesem großen, alpinen Unterfangen zu widmen. Die vorhandene Absicherung kann oft mit mobilen Sicherungsmittel ergänzt werden. Wir hatten einen Satz Cams 0.4-2 dabei und haben alle einsetzen können.

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