Die zweite Heimat (VI-) Gesäuse (Erstbegehung)

Lange dachte ich darüber nach, was ich zur Erstbegehung der zweiten Heimat schreiben möchte, soll oder kann. Mit Sicherheit stellt diese Begehung eines der Highlights in meinem bisherigen Kletterleben dar. Sie war die Konsequenz aus etlichen Schritten, die ich über die letzten Jahre gemacht habe. Dieser Eintrag soll nicht der Selbstdarstellung dienen, sondern mein Tourenbuch vervollständigen. Es gibt so viele gute und vor allem starke Kletterer (der 11. Grad wird immer öfter bei uns geklettert), Bergsteiger (ich erwähne nur Admonter Reichenstein-Eisenerzer Reichenstein-Überschreitung an einem Tag) und Tourengeher (über 5000Hm an einem Wochenende).

Nun gut – was ist denn eigentlich passiert und wo soll ich anfangen? Ich beginne kurz mit den Fakten, dann der Vorgeschichte und beende diesen Eintrag mit der Begehung. Die zweite Heimat (VI-) in der knapp 700m hohen, nicht durchgehend schwierigen Südostwand des großen Ödsteins im Gesäuse wurde von mir am 14.11.2020 free solo erstbegangen – ohne vorheriges Erkunden und ohne zuvor überhaupt auf diesem Berg bzw. Gipfel gewesen zu sein.

Doch wie kommt man auf so eine Idee? Um ehrlich zu sein, kam sie mir sogar relativ spontan und war die Konsequenz mehrerer Begehungen in diesem Stil in großen Wänden, die teilweise schon onsight erfolgten. Alles begann in meiner Heimat – dem Grazer Bergland – in der ich vor etlichen Jahren den Winnetouweg (V-) als erste Route solo kletterte – damals noch mit Gurt, Selbstsicherungsschlinge und Seil im Rucksack. Als ich nach 30 Minuten den Ausstieg erreichte, tat sich eine neue Welt für mich auf. Ich hängte am selben Tag noch den Postlerweg (IV+) dran und brauchte eine ähnliche Zeit. Dies sollten die einzigen Solobegehungen bleiben, die ich mit Seil, Gurt und Sicherungsmitteln absolvierte.

Ein kleiner Meilenstein für mich war im Feber 2019 der Michelangelo (VI) im Grazer Bergland, den ich schon lange nicht geklettert war und mehr oder weniger retroflash ohne Kenntnis von Zügen und Griffen free solo meisterte. Als ich den Ausstieg erreichte, war ich überglücklich, jubelte vor mich hin und war mir bewusst, dass ich für den nächste Schritt, den ich schon seit längerem im Hinterkopf hatte, bereit war: die Planspitze Nordwestwand (IV+) im Gesäuse.

Es sollte bis Juni desselben Jahres dauern, bis sich der Schnee ausreichend zurückgezogen hatte, dass eine Begehung möglich war. Als ich damals im Tal unten stand und zum Plattenschild der Nordwestwand hinaufblickte, überkam mich Furcht und ich dachte mir, dass es nicht möglich sein kann, dass ich durch diese 400m hohe Wand ohne Seil klettere. Also trank ich in Ruhe einen Kaffee und aß Kuchen. Dann beschloss ich zuzusteigen, denn absteigen kann ich immer noch. Während ich den Höllersteig hinaufstieg, verschwand die Furcht und Zuversicht gewann die Oberhand. Als ich am Einstieg ankam, gab es keine Zweifel mehr und 1.5 Stunden später stand ich am Ausstieg. Da ich zuvor nur die direkte Variante und den direkten Ausstieg einmal gemacht hatte, erfolgten sieben Seillängen onsight. In den folgenden zwei Wochen kletterte ich auch noch die Peternschartenkopf Nordost- (V-, die oberen acht Seillängen onsight) und die Nordwand (V+, nach einmaliger Begehung zwei Jahre zuvor).

Als ich den Ausstieg der Peternschartenkopf Nordostwand nach 17 Seillängen, 450m Wandhöhe und 1Std 45min erreichte, fand ich es schade, dass die Tour schon vorbei ist. Abermals hatte ich sofort einen Gedanken: Ich bin bereit für ein weiteres, großes Ziel – den Steinerweg (V+, 27 Seillängen) in der 850m hohen Dachstein Südwand, den ich 2015 gemeinsam mit Markus geklettert war. Es sollte bis zum letzten Oktoberwochenende dauern, bis ich Zeit und eine Gelegenheit fand. Als ich die Webcambilder und die Wettervorhersage eine Woche zuvor sah, begann ich gedanklich abzutauchen und bereitete mich mental intensiv darauf vor – teilweise war ich in dieser Woche so fokussiert, dass ich meine Umgebung völlig ausblendete. Als der Tag kam, wachte ich schon vor dem Wecker auf und befand mich in Freudenstimmung, denn heute sollte der Tag sein, an dem ich ein langerdachtes Ziel verwirkliche. Klassisch gab es vor dem Zustieg Kaffee und Kuchen. Da ich zu Früh aufgewacht war, erreichte ich im Stockfinsteren den Einstieg. Ich konnte es dennoch nicht erwarten, sodass ich mit Stirnlampe die ersten 13 Seillängen kletterte. Am Ende des Dachls wechselte ich von Zustiegsschuhen auf Kletterpatscherl und genoss die teilweise spektakulär ausgesetzte Route. Nach dem Schluchtüberhang zog ich meine Zustiegsschuhe wieder an, aß einen Bissen und erreichte kurze Zeit später den Gipfel – 2 Stunden und 26 Minuten nachdem ich eingestiegen war. Es war gerade einmal 9 Uhr und so war ich ganz allein hier heroben – ein unglaubliches Gefühl und pure Freude überkam mich – zudem war es ein wunderschöner, wolkenloser Herbsttag. Welch Ehre, dass ich so etwas erleben durfte!

Im Frühjahr 2020 meisterte ich im Grazer Bergland die Serengeti (VI+) und den Thymianpfeiler (VI), obwohl ich beide nur einmalig ein paar Jahre zuvor gemacht hatte. Vor allem erstere gab mir Zuversicht für mein nächstes Ziel im Gesäuse: den Plattensprint (VI+) – ebenfalls in der Planspitze Nordwestwand. Diesen war ich mit Miguel Ende Juni 2019 geklettert und schon während der Begehung kam mir die Idee, dass ich das auch ohne Seil können sollte. Am ersten Maiwochenende 2020 stattete ich dem Gesäuse einen Besuch ab – mit Steigeisen und Pickel im Rucksack für den Abstieg über den Peternpfad und dem Plan den Plattensprint zu gehen. Meine Überlegung war die ersten Seillängen, die ident mit der klassischen Nordwestwand sind, zu klettern und dann zu entscheiden, welchen Weg ich einschlage. Die steile Verschneidungslänge vor der Abzweigung fiel mir im Vergleich zum letzten Mal deutlich leichter, sodass es am Stand keine Zweifel mehr gab. Trotz gemütlichen Kletterns erreichte ich nach einer Stunde und 45 Minuten den Ausstieg des Plattensprints. Es war für mich unglaublich schön, ganz allein in der Gegend und frei von allem diese wunderschöne Route free solo zu klettern. Die Steigeisen und den Pickel konnte ich am Abstieg gut gebrauchen, denn sowohl oberhalb des Wasserlochs als auch vom 60plus Einstieg bis hinunter zum Fuß der Hochtor Nordwand lang noch reichlich Schnee. Festhalten kann ich aber, dass der Abstieg im unteren Teil mit Schnee angenehmer ist als ohne. 😉

Nach einem schönen Sommer mit vielen, großartigen Touren hat nun der Herbst Einzug gehalten und es scheint als wäre die heurige Saison zu Ende. Die Wettervorhersage ist aber gut und es hat auch schon länger nicht mehr geschneit. Da ich heuer noch keine Erstbegehung gemacht habe, kommt mir die Idee, ob ich nicht die zweite Heimat, die mir schon länger aufgefallen ist, am großen Ödstein noch versuchen soll. Bis jetzt wusste ich nicht so recht in welchem Stil ich sie begehen soll. Mehrfach dachte ich darüber nach, sie clean zu versuchen, da der Zustieg inkl. Vorbau doch recht weit für die Bohrmaschine und -haken ist. Da schoss mir plötzlich der Gedanke ein, dass ich sie auch solo, ohne Sicherungsmittel versuchen könnte. Im ungünstigsten Fall kann ich auch wieder umdrehen – muss dabei nur auf Paul Preuß hören: „Man soll nur etwas hinaufklettern, dass man auch wieder hinunter kommt“. Die Spielregeln sind also recht einfach.

Mit Ines fahre ich am 14. November wieder in die Obersteiermark und wir steigen beide bis zum Einstieg auf. Dort schlägt Ines ihr Beobachtungslager auf und ich steige ein. Der Vorbau (ca. IV) und die Gamsgärten sind schnell hinter mich gebracht und schon stehe ich unter dem oberen Wandteil. Im Winkel steige ich zuerst noch über die steile, sehr strukturierte Wand ein, kehre aber nach zwei Metern wieder um, da ich zu wenig Vertrauen in das Gestein habe und mich aufgrund der Steilheit festhalten muss. Also zurück zum Anfang, ca. fünf Meter links aufwärts und über ein sehr schwach ausgeprägtes, aufsteigendes Band (feste Tritte, brüchige Griffe, ca. V-) in Richtung schwarzer Verschneidung. Etwas zusammenreißen muss ich mich in dieser Passage und zum Glück wird das Gelände schnell leichter, das Gestein fester und so kann ich die Kletterei wieder richtig genießen.

Im genial wasserzerfressenen, schwarzen Gestein geht’s etliche Meter aufwärts bis unter einen Überhang (zweiter Querschlitz). Rechts davon ermöglicht eine kurze, weiße Verschneidung (ca. IV) ein Weiterkommen und über schöne, strukturierte Platten erreiche ich den großen dritten Querschlitz. Diesen wollte ich ursprünglich an der rechtesten Seite überwinden, doch als ich dort ankomme, kommt er mir sehr trittlos vor und ich bin mir nicht sicher, ob ich die Stelle wieder abklettern kann, sollte ich danach Probleme haben. Also traversiere ich an das linke Ende des Querschlitzes und muss leider auch hier feststellen, dass es zu schwer für mich allein aussieht. Also zurück – zurück zum rechten Ende. Ich mache noch den einen oder anderen Schritt nach rechts und sehe nach dem Überhang einen gut strukturierten, breiten Riss und einen großen Absatz danach. Gut – langanhaltend scheinen die Schwierigkeiten nicht zu sein und von den Wandbildern her, war dies genau die einzige Stelle, die mir Sorgen bereitete.

Mit der Zuversicht, dass ich nur wenige schwere Meter zu meistern hätte, nähere ich mich erneut dem Überhang (ca. VI-), nehme mir ein Herz, überstiege ihn und finde gleich danach einen Henkel – welch glücklicher Moment und die Anspannung lässt wieder nach. Der breite Riss ist gutgriffig und stellt mich vor keine Probleme. Als ich den Absatz erreiche juble ich hinunter und Ines jubelt zurück. Der Weiterweg bereitet mir anschließend nur noch pure Freude. Fester, weißer, großgriffiger Gesäuse-Fels, schönes Ambiente hier heroben. Ich kann die Kletterei genießen und freue mich durchwegs, denn die Schwierigkeiten sind geschafft. Kurze Zeit später erreiche ich nach insgesamt zwei Stunden den Gipfel. Nach kurzer Verschnaufpause steige ich zum kleinen Ödstein und dann über die „blaue Markierung“ ab, die ich trotz trockenem Zustand nicht empfehlen kann. Anschließend treffe ich Ines wieder und wir steigen bestens gelaunt zurück ins Tal ab – was für ein Erlebnis.

Fazit: Diese Begehung und der gewählte Stil waren das Ergebnis jahrelanger, unbeabsichtigter Vorbereitung und nicht von langer Hand geplant. Das Selbstvertrauen so etwas zu probieren, kam über die Zeit. Die Route zu bewerten ist in so einer Situation nicht leicht – ich würde meinen, dass der Überhang auch VI sein könnte und wäre gespannt wie Wiederholer, sollte sich jemand finden, bewerten würden. Die Tour weist bis auf wenige brüchige Meter nach dem Winkel schönen, durchwegs festen Fels auf. Sie führt auf den mächtigen großen Ödstein, der vom Tal wieder einmal so aussieht, als ob man dort nicht ohne Seil raufkommt.

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