Ailefroide Centrale (3927m) Arête de Coste Rouge (D) Ecrins Massiv

Diese Tour sollte den Abschluss des Frankreichurlaubs von Max, Johannes und mir 2019 bilden. Wir starteten von Pré de Madame Carle (1874m) am frühen Nachmittag und wollten am Col de Coste Rouge (3192m) biwakieren. Doch stieg wenige Minuten bevor wir den Aufstieg auf das Col erreichten eine Seilschaft ein und es war aufgrund mangelnden Schnees so steinschlaggefährdet, dass wir uns entschieden am Ende des Glacier Noir zu biwakieren. Am nächsten Morgen stiegen auch wir auf. Über eine brüchige, mit Eisglasuren überzogene Steilstufe kämpften wir uns und als wir am Col standen, wunderten wir uns, wie jemals jemand durch die Westseite der Dents de Coste Rouge geklettert sein soll, denn so sagte es unser Topo.

Es sah wild, brüchig und steil aus – aber definitiv nicht einladend. Wir versuchten es trotzdem und wagten uns weit hinein. Doch irgendwann stellten wir endgültig fest, dass die Kletterschwiergkeiten bereits viel zu hoch waren und wir sicher falsch sind. Es war auch schon viel Zeit vergangen und wir wussten nicht wohin, also entschieden wir uns abzubrechen und umzukehren. Als wir zurück waren, fanden wir im Internet heraus, dass unser Topo falsch war und wir auf der Ostseite der Dents de Coste Rouge hätten klettern müssen. Eine zweite Chance gab es für uns 2019 nicht mehr und so mussten wir 2020 zurückkehren um diese Route zu vollenden.

Mit neuer Strategie, bestens akklimatisiert und topfit, stellte die Coste Rouge auch heuer den Abschluss dar. Wir wollten dieses Mal ganz zeitig aufbrechen und gegebenenfalls in der Wand – optimalerweise am Gipfel – biwakieren. Warum optimal? Dies hätte bedeutet, dass wir den Nordgrat bereits geschafft hätten. Unsere Ausrüstung war heuer auch eine andere und so waren alle unsere Rucksäcke kleiner und leichter. Um 5.15 starteten wir von Pré de Madame Carle und drei Stunden später standen wir unter dem Aufstieg zum Col de Coste Rouge. Die brüchige Steilstufe war heuer kein Hindernis. Mit Steigeisen an den Schuhen geht’s leichter und wenn der Wasserfall lauwarm nass statt eisig und gefrohren ist, auch.

Nach einer Pause und dem zweiten (Müsliriegel-)Frühstück am Col ging es also wieder los mit der Kletterei. Sofort fanden wir den richtigen Weg und schon bald ließen wir den Westwandteil hinter uns und kletterten über super Fels auf der Ostseite der Dents de Coste Rouge. Die Sonne wärmte uns und es kam Freude auf. Wir kletterten seilfrei. Die anschließende, westseitige Umgehung des Tour Pointue stellte uns auch vor keine großen Schwierigkeiten.

Gegen Ende des Tour du Géant mussten wir uns vorwagen ohne genau zu wissen, ob wir richtig sind, aber auch hier fanden wir einen guten Weg – ca. im vierten Grad. Die nächsten Hindernisse am Grat umgingen wir alle westseitig und standen schon bald vor dem letzten Steilaufbau. Das Topo sagte, wir sollten den linkesten Kamin klettern. Doch was wir als solchen interpretierten, lachte uns gar nicht an, also nahmen wir den rechtesten; dann ein aufsteigendes Band nach links, dann das nächsthöhere Band, durch eine Verschneidung aufwärts und letztlich nochmal nach links über ein Band und schon fehlten uns nur wenige Meter bis zum Gipfels über den Normalweg.

Acht Stunden und 45 Minuten nach Aufbruch von Pré de Madame Carle erreichten wir den Gipfel und es war gerade einmal 14:00. Wir waren überglücklich über die erfolgreiche Begehung dieses ab dem Col 700m hohen Grats und auch noch in dieser fabelhaften Zeit. So rasteten wir zufrieden und entspannt für 45 Minuten am Gipfel dieses nach allen Seiten steilen, fast 4000ers. Man hört immerhin auch von Begehungen dieser mächtigen Kante, die zwei Biwaks erforderen. Unser Abstieg, der Normalweg, wartete noch mit Schwierigkeiten bis III. Gut, dass sich bereits eine Seilschaft im Abstieg befand und wir sie von Zeit zu Zeit sehen konnten, denn dies vereinfachte die Wegfindung deutlich. Wir waren etwas schneller als sie und holten sie ein, als wir den Gletscher erreichten – immerhin waren sie bereits am Abstieg, als wir noch nicht den Gipfel erreicht hatten. Anschließend stiegen wir über den Normalweg der Ailefroide Orientale ab, vorbei an den Sélé-Hütten und durch das Sélé-Tal zurück zum Campingplatz in Ailefroide. Als wir diesen erreichten, war es 19:15. Das Biwakmaterial hätten wir also auch hier lassen können um mit noch kleinerem und leichteren Rucksack unterwegs zu sein. Weiters war es gut, dass wir kein Biwak benötigten, denn das zweite Gewitter innerhalb von 3 Wochen, das ganz und gar nicht angesagt war, zog in der Nacht über das Gebiet – Glück gehabt…

Fazit: Es ist für mich immer schön ein Projekt zu schaffen. In diesem Fall mussten wir sogar ein ganzes Jahr auf eine zweite Chance warten. Umso schöner war dann der Ablauf unserer schnellen Begehung – keine Wegfindungsprobleme, wir waren uns immer einig, alleine unterwegs, geniales Wetter und das in so eindrucksvoller Umgebung. Somit konnte ich getrost nachhause fahren – mit einem Lächeln auf dem Gesicht und unvergesslichen Erinnerungen.

Die Arête de Coste Rouge ist trotz unserer flotten und problemfreien Begehung sicher keine leichte Tour. Auf der Ostseite der Dents de Coste Rouge fanden wir noch etliche Normalhaken, doch die Hakendichte verringerte sich danach drastisch. Wir mussten uns mit dem französischen Topo, in dem ein Satz oft weite Wegstrecken beschreibt, den für uns attraktivsten Weg suchen und Vertrauen haben, dass uns die eingeschlagene Richtung nicht in eine Sackgasse führt wie im Jahr davor. Außerdem hört man immer wieder von Hubschrauberbergungen, weil die Route von Seilschaften unterschätzt wird, und wir selbst wurden Zeugen einer solchen. Zu mögliche Orientierungsschwierigkeiten kommt noch stellenweise fragwürdige Felsqualität und das Faktum, dass man weit weg von Allem ist. Ist man erst mal mitten drin, so gibt es keinen Notausstieg und auch am Gipfel ist die Tour nicht vorbei, denn bis man den Gletscher erreicht muss man noch viele Meter abklettern.

Eine Beschreibung der Route findet sich unter: https://www.camptocamp.org/routes/55257/fr/ailefroide-centrale-arete-de-coste-rouge-arete-n-

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