Dachlkante (VI-) Gesäuse

Beginnen wir mit den Fakten. Die Dachlkante setzt sich zusammen aus einer Einstiegsvariante der Pfannl-Maischberger (1896, 150 – 200m, bis III+), der Dachl Westverschneidung (Kasparek u. Schinko, 1933, 6 SL, bis VI-), der eigentlichen Dachlkante (Poppinger u. Pfiel, 1933, 4-5 SL, bis V), dem Seitelberger Ausstieg (2SL, VI-) und dem Schluchtausstieg (2SL, II-III). Im Gesamten 650-700m Wandhöhe. Bis auf den Seitelberger Ausstieg, der auch von der klassischen Dachl Nordwand geklettert wird, gibt es so gut wie keine Bohrhaken (BH). Wir dachten eigentlich, dass es gar keine gibt, wurden aber beim Klettern überrascht. Die wenigen, an 6 Ständen jeweils einer, gehören zu einer alten Abseilpiste, von der wegen der schlechten BH-Qualität heutzutage abgeraten wird und BH deshalb in der Xeis-Auslese auch nur als Normalhaken (NH) eingezeichnet sind – und in der Tat: sie sehen schon recht rostig aus. Sonst findet man in den Seillängen – mal mehr, mal weniger – NH aus unterschiedlichsten Epochen. Manche Stände sind gänzlich zum selbst einrichten. Aber genug der Fakten…

Vor zwei Jahren begann ich mit der Idee des bohrhakenlosen Alpinkletterns, in Schwierigkeiten in denen man auch durchwegs sichern möchte, zu spielen – und schon damals schwärmte mir die Dachlkante vor. Ich weihte Markus ein und wir wollten uns zum Anfangen an etwas nicht all zu Schwerem probieren. So wählten wir die Rote Rinne in der östliche Planspitze Nordwand. Doch daraus wurde leider nichts. Wir versuchten es zwar zwei Mal, aber einmal hinderte uns eine einsetzende Krankheit am Zustieg und das andere Mal war der Einstiegskamin völlig nass, moosig und glitschig, dass wir nach wenigen Meter umdrehten. Somit ließ ich das Thema wieder und konzentrierte mich im anschließenden Jahr auf den Pythagoras. Nach Johannes und meiner Begehung der Flora heuer, erzählte er mir von seiner Idee eine alte, technische Normalhakentour im Hochschwab befreien zu wollen. Dies weckte meine Idee von damals und ich erzählte ihm von der Dachlkante. Als wir nach der Konkurs über den Peternpfad abstiegen, sahen wir sie uns aus verschiedenen Perspektiven an und einigten uns schon auf der Haindlkarhütte sie demnächst zu versuchen, aber vielleicht noch eine Vorbereitungstour zu gehen, da Johannes noch nie einen NH geschlagen hat.

Die Vorbereitungstour haben wir dann doch ausgelassen und sind knapp zwei Wochen später wieder auf der Haindlkarhütte. Nebel und Wolken hängen am Vorabend noch in der Wand und für mich wirkt alles ein wenig beängstigend. Deshalb reden wir schon über Ausweichziele, wollen aber zumindest mal den Zustieg gehen und uns die Lage aus der Nähe ansehen. Am nächsten Morgen um kurz nach 6:00 verlassen wir die Hütte und in einer Stunde stehen wir am Einstieg. Sieht doch eh gar nicht mehr so wild aus, wie von der Hütte. Noch seilfrei steigen wir auf – zuerst über einen Plattenbauch der uns unter die Hauptrinne führt. Vor Beginn dieser queren wir etwas nach rechts und nehmen den beschriebenen Wasserlauf der Pfannl-Meischberger (deren linke Einsteigsvariante), der gut zu klettern ist. Anschließend steigen wir über leichte Platten bis zur letzten Möglichkeit die Hauptrinne zu überqueren auf. Hier sehen wir zwei schwache Bänder, nehmen das obere und erreichen kurz danach den Einstieg.

Die erste Seillänge übernimmt Johannes und erreicht nach 25m den Stand. Wir sind überrascht, dass ein alter BH am Stand steckt – so viel mehr Vertrauen als die beiden NH erweckt er aber nicht. Die zweite Seillänge (VI-) beginnt etwas nass und steil in einem engen Kamin. Den vierten NH hänge ich zwar ein, der wackelt aber und ist – so wie die meisten – schon gut rostfarben. Ein Friend bzw. Camalot kurze Zeit später beruhig ungemein, denn es ist steil, die Tritte oftmals abschüssig und nicht alles wirkt fest. Es bleibt weiterhin so und nach 2 weiteren NH ist es wieder ein Camalot dem ich mehr Vertrauen schenke. Nach eine kurze Linkstraverse in festem Fels erreiche ich den zweiten Stand. Wieder mit einem alten BH und NH bestückt, ergänze ich ihn noch um einen NH und Klemmkeil. Diesem Stand so wie allen anderen haben wir beide volles Vertrauen geschenkt und konnten es uns auch gemütlich machen.

Die dritte Seillänge beginnt wieder brüchig und ich habe mich sogar im Nachstieg nicht wirklich wohl gefühlt. Wir sehen schon den tiefen Kamin, doch davor gilt es noch eine weitere, sehr steile Stelle (VI-) zu überwinden. Kurz nachdem Johannes einen uralten Rosthaken einhängt, kommt Johannes auch schon aus dem kurzen Kamin geflogen – ein Sturz – der rostige Normalhaken hat aber gehalten. Kurz durchatmen und weiter gehts. Ohne mit der Wimper zu zucken steigt Johannes die schwere Stelle im nächsten Anlauf frei durch und arbeitet sich den tiefen Kamin hinauf. Den alten Abseilbohrhaken lässt er nicht ganz beabsichtigt links liegen und baut den ersten komplett selbst eingerichteten Stand etwas oberhalb. Deshalb ist die nächste Seillänge für mich kürzer und wir sind an der nassen, zwingenden Schlüsselstelle (VI-/VI) angekommen. Da ich nichts riskieren möchte, besteht mein Stand aus 3 NH, einem kleinen Köpfl und einem Camalot. 2 NH noch vor der Schlüsselstelle fungieren als Dummyrunner, aber trotz der Nässe läuft alles gut. Seit dem Kamin ist der Fels auch fest und in der Schlüsselstelle auch gut strukturiert.

Eine weitere Seillänge später haben wir den großen Absatz erreicht und sind erleichtert. Der untere Teil ist geschafft und wir erwarten keine Stolpersteine mehr. Wir folgen der logischen Linie entlang der Kante in gutem, plattigen und sehr sicherungsfreundlichem Fels. Zuerst nach links auf der Terasse und dann immer gerade rauf. Einen Abseilbohrhaken finden wir noch beim ersten Stand, dann heißt’s drei selber zu bauen, bis wir auf dem oberen Ringband einen Torstahlbügel finden. An gut fünf Normalhaken sind wir auf dieser Strecke vorbeigekommen. Weiter geht es über den Seitelberger Ausstieg und wir wählen die Variante über die Piazschuppe. Sieht unmöglich aus, ist fast trittlos, löst sich aber ziemlich einfach auf. In diesen beiden Seillängen ist der Fels super, die Kletterei schön und die Stände für uns erstmals mit Klebehaken ausgestattet. Am zweiten Stand klatschen wir schon ein und in zwei weiteren leichten Seillängen erreichen wir durch die Dachlschlucht den Ausstieg. Wir haben es geschafft. Trotz all der Bedenken gestern Abend haben wir unser Ziel, die Dachlkante zu klettern, erreicht und sind überglücklich. Nach einer Jausenpause steigen wir über den Dachlgrat, die Rosskuppe und den Peternpfad zur Haindlkarhütte und genießen bei einem wohlverdienten Bier und fast schon kitschigem Wetter den Blick in die Nordwände.

Unser Material: 10 Expressen, Camalots 0.3″-3″ (0.5″ und 1″ doppelt), ein kompletter Satz KK und 5 NH (1 Winkelhaken, 3 standard Weichmetallhaken (Fiechtlhaken) in unterschiedlichen Längen, 1 Diagonalhaken aus Hartmetall), einige Schlingen, Reepschnur. Und das war nicht zu viel. Expressen hätte ich in der zweiten Seillänge sogar noch um 1-2 mehr benötigen können – aber nur dort. Camalots haben wir alle eingesetzt, sogar die doppelten sind in der einen oder anderen Seillänge beide untergebracht worden. Von den NH könnte man einen normalen weglassen, da wir sie fast nur für die Standplätze nutzten.

Fazit: Wie erwartet war der Teil der Dachl Westverschneidung der anspruchsvollste, vor allem auch, da der Fels in 2 Seillängen nicht der beste war. In diesem Teil sollte man schon wissen was man tut und Reserven mitbringen. Dieser war wahrscheinlich das Wildeste, was ich bis dato gemacht habe. Eine beachtliche und kühne Leistung der Erstbegeher. Wie schon erwähnt, hatten wir immer vollstes Vertrauen in unsere Standplätze, auch in die selbstgebauten, nicht aber in alle vorhandenen Normalhaken. Außerdem war ich etwas überrascht wie viel mobile Sicherungsmittel wir eingesetzt haben – die Seillängen der eigentlichen Dachlkante waren z.B. sehr sicherungsfreundlich. Insbesondere in den Passagen mit festem Fels und somit nach den ersten Seillängen hat es mich eigentlich gar nicht gestört, dass es in der Tour keine Bohrhaken gegeben hat.

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