Verdon (I)

Les Gorges du Verdon. Was soll man diesem Namen noch hinzufügen? In den 70er und 80er war dies eines der bedeutetsten Klettergebiete Europas und Kletterer wie Stefan Glowacz zieht es immer wieder hier her und das soll doch etwas heißen. Nach diesen paar Tagen, die Luki und ich hier verbrachten, kann ich nur eines sagen: ich werde wieder kommen! Die Gegend ist wirklich wunderschön – mit dem türkisfarbenen Fluss Verdon und den hohen, steilen und bunten Wänden, die beiderseits des Flusses hinaufziehen.

Es gibt zwar einige Sportklettergebiete, die sehr gut sein sollen, doch wir kletterten ausschließlich Mehrseillängen. In Verdon ist das Besondere, dass man sich in der Regel vom Hochplateau abseilt und wieder hinausklettern muss! Oft beginnen die Touren mitten in der Wand und eine Flucht nach unten – durch weiteres Abseilen zum Schluchtboden – ist nicht möglich. Dies und die oftmalige Ausgesetztheit wegen der steilen Wände machen die Touren sicher noch etwas interessanter! In Summe verbrachten Luki und ich sechs Klettertage in Verdon und machten acht Touren, in denen keine mobilen Sicherungsmittel notwendig sind.

1) Rêves de Fer (6a, 6b, 6b, 6b+)
Unsere erste Tour – ungeplanterweise, denn eigentlich wollten wir mit Nr. 2 starten, doch wir seilten uns falsch ab und kamen in den Genuss diese schöne Tour zu klettern. Zwar stehen die Namen der Touren in der Regel beim jeweils ersten Abseilstand angeschrieben, aber man muss ja nicht lesen was geschrieben steht. Nichtsdestotrotz war die Tour sehr schön und wir können sie durchaus weiterempfehlen. Vielleicht schon etwas abgeschmiert, etwas härter bewertet (wie öfters) und anhaltend homogen, aber trotzdem super Kletterei auf Löchern in sehr kompaktem Fels.

2) Les Deux Doigts dans le Nez (6a+, 6a+, 6a+, 6a+, 6a+)
Im Anschluss an Rêves de Fer jausneten wir im Auto und wanderten zurück zum (dieses Mal richtigen) Abseilstand. So eine homogene Tour hab ich noch nicht erlebt. Nicht nur sind alle Seillängen mehr oder weniger gleich schwer, sondern die Seillängen sind auch sehr homogen. Die Tour wurde erst 2009 erstbegangen und ist deshalb noch überhaupt nicht abgeschmiert. Die letzte Seillänge war ein Highlight unseres Aufenthalts – man klettert einen runden, steilen Kamin, der wie ein Wurmloch wirkt. Hier ist es etwas ausgesetzt, man hat jedoch nur gute Griffe und Tritte zur Verfügung – Genuss pur! Auch diese Tour kann ich empfehlen.

3) Saut d’Homme (5c+, 5c, 6a, 5a)
Einer der Klassiker in Verdon. Man klettert eine lange Rissverschneidung, die dann in einen Risskamin übergeht. Die Seillängen sind abermals sehr homogen und anhaltend, aber gut abgesichert. Kann man schon einmal gemacht haben!

4) Toboggan de la Mort (5c, 5b, 6a, 6a+, 6a, 6c+, 6c+, 6a+, 6b++)
Nur weil uns zwei Italiener diese Tour empfohlen hatten, entschieden wir uns für den Toboggan – ansonsten wären wir wohl nicht drauf gekommen und ich persönlich würde diese Tour nicht weiterempfehlen. Für uns waren die beiden 6c+ Seillängen das wenigere Problem, denn die waren sehr gut abgesicherte Platten- und Wandkletterei. Der Rest war oftmals weiter abgesicherte, anstregende Verschneidungs- und Kaminkletterei – teilweise brüchig. Im nachhinein super, dass wir es geschafft haben, aber etwas wilder und nicht schöner als die anderen Touren.

5) Rivière d’Argent (6b+, 6a, 6b+, 6a)
Auch ein Klassiker in Verdon und absolut weiter zu empfehlen. Die erste Seillänge ist zum Aufwärmen dankbar, denn es gibt nur eine kurze schwerere Stelle im letzten Drittel. Sonst schön und technisch. Die dritte Seillänge steilt sich ein wenig auf, dafür gibt’s aber super Griffe, bevor diese ziemlich plattig endet.

6) Liberté Surveillée (5c, 6a+, 6b, 6b+, 6a+)
Nach Rivière d’Argent fuhren wir zurück nach La Palud, tranken einen Espresso, jausneten und machten uns auf den Weg zu L’Imbut. Eigentich war Liberté Surveillée die allererste Tour die wir uns aussuchten, doch ist die Ausrichtung west und daher etwas zu kalt am Vormittag für diese Jahreszeit – vor allem wenn es windig ist. Lustig, dass diese uns als erstes ansprach, denn ich fand die Tour wirklich sehr schön – 2009 erstbegangen und deshalb kaum Begehungsspuren. Zu Beginn eine henkelige Platte, dann eine Doppelschuppe, dann eine lange gemütliche Rissverschneidung mit kurzer schwieriger Querung zum Schluss, dann eine etwas steilere Seillänge in genialstem wasserzerfressenen Fels und zum Abschluss eine Seillänge zum Ausklingen mit kurzer schwerer Passage. Unbedingt einsteigen. Zum Abseilstand hin ist ein knalloranges Seil gespannt.

7) Le Mains dans le Sel (6b+, 6a, 7a, 6c+, 6a, 6b, 6a+, 6b, 3)
Unsere schwerste Tour. Der Zustieg (=Abstieg in die Schlucht mit zweimaligem Abseilen) war der „längeste“ von allen. Hat man den Stand nach der ersten Seillänge verlassen ist ein Rückzug äußerst problematisch – man müsste zurückklettern, denn die ersten beiden Seillänge sind aufsteigende Traversen. Die Schlüsselseillänge ist eine anhaltende Rissverschneidung mit zwar gutem Riss aber mageren Tritten – teilweise steht man mit beiden Beinen auf Reibung. Nach gut der halben Länge erreicht man einen guten und für mich sehr willkommenen Rastpunkt und danach ist es nicht mehr all zu schwer. In der vierten Seillänge heißt es abermals motiviert sein. Ein knackiger Überhang mit Fingerklemmer will überwunden werden und kurz vor dem Stand wartet noch ein anstrengende Passage. Danach lassen die Schwierigkeiten etwas nach und die Kletterei ist unglaublich schön. Vor allem ie sechste Seillänge (6b) ist genial! In der anschließenden 6a+ Länge muss man dann zuerst rechts ums Eck und wir dachten uns: da drüben schauts ja nur nach Bruch aus – doch waren die Knödel, die da so rumhängen, fest verwachsen und man konnte die Ausgesetztheit und den Tiefblick genießen.

8) Ticket Danger (6a, 6a, 6a+, 6a, 6a+)
Am dritten Tag in Folge waren wir dann schon recht müde, wollten aber den obereren Teil dieses Klassikers noch klettern. Diese übliche Variante lässt die ersten beiden Seillängen (7a+, 6c+) aus und bietet schöne, anhaltende Kletterei. Hier merkt man schon ein wenig, dass die Tour ein Klassiker ist. Dies stört aber gar nicht so schlimm, da die Griffe nicht zu klein sind. Sehr schön und technisch anspruchsvoll tänzelt man sich hoch. In der letzten, gar nicht so leichten Seillänge wurden wir dann von den Menschen oben auf der Aussichtsplattform neugierig beobachtet und ich erhielt sogar Applaus als ich den letzten Stand erreichte. 😉

Fazit: Wie eingehends erwähnt hoffe ich hier wieder zurückzukehren. Der Fels ist super, die Kletterei macht echt Spaß – oft technisch in einer annähernd senkrechten Mauer, aber auch in Rissen, Verschneidungen und Kaminen – und das Ambiente ist gewaltig. Der Fels in den verschiedenen Touren war auch sehr abwechslungsreich. Außerdem waren mir dieses Mal die Klettergötter gnädig, denn mir gelang es alle Seillängen durchzusteigen (abwechselnd im Vor- und Nachstieg) – einfach genial. Luki war auch durchwegs erfolgreich und musste sich nur zweimal geschlagen geben. Wir übernachteten am Campingplatz „Bio Verdon“, den wir auch weiterempfehlen können, in La Plaud sur Verdon. Sehr interessant waren auch die riesigen Greifvögel, die oft sehr nahe zu uns, entlang der Wände flogen.

Update: Und ich kehrte zurück… Bilder und Touren aus den nächsten Besuchen finden sich hier: 2018 und 2019.

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