Erstbegehung Pythagoras (1/2)

Welcher Kletterer hat noch nie davon geträumt, wie es wohl wäre eine Tour als Erster zu begehen? Dieses Frühjahr kam in mir der Wunsch auf, diese Träumerei auch in die Tat umzusetzen. Markus war schnell eingeweiht und so hielten wir unsere Augen während des Sportkletterns im Grazer Bergland im Frühling offen. Uns fiel dabei jedoch auf, dass alles was wir uns so ansahen entweder ziemlich schwer oder nicht so lohnend aussah. Und so geschah es, dass ich eines Nachmittags den Xeis Extension Führer, in dem alle Gesäuserouten eingezeichnet sind, in der Hand hielt – eigentlich auf der Suche nach Zielen für den Sommer – und begann nach leeren Wandpartien Ausschau zu halten. Und tatsächlich – es gibt trotz der 1000 verzeichneten Touren genügend „weiße“ Flecken. Unter anderem in der ~450m hohen Hochzinödl Nordwand, durch die bis jetzt nur fünf Touren verlaufen und eine eindeutige klassische Linie noch nicht begangen wurde. Diese eindeutige klassische Linie ist ein „Riss“ der vom Wandfuß mittig startend diagonal nach links oben verläuft und nicht zu übersehen ist. Also warum nicht gleich groß anfangen und in einer meiner liebsten Bergregionen eine Erstbegehung machen? Im Gesäuse werden Erstbegehungen nur von unten gemacht und ganz ehrlich gesagt ist dies auch meiner Meinung nach der natürlichere und erstrebenswertere Weg. (Davon sind natürlich Sportkletterrouten ausgenommen)

Bei einem Bier studierten kurz darauf Markus und ich die zwei Wandbilder des Xeis Führers und uns ist sofort eines klar: also das könnte schon was, wenn wir durch diese Wand im Vorstieg kommen würden. Aber es gibt natürlich auch viele Zweifel. Markus hatte im Vorjahr eine Erstbegehung (noch nicht ganz fertig) im Hochschwab begonnen und ich hatte zumindest schon einmal eine Sportkletterroute miteingerichtet – also zumindest eine Bohrmaschine in der Hand gehabt. Das ist nicht besonders viel Erfahrung, aber irgendwo muss man ja anfangen. Die Hochzinödl Nordwand sieht ganz schön steil aus und die Topo-Bilder ließen nur wenig Details erahnen. Mitte Mai fuhr ich deshalb alleine ins Gesäuse um mit Conny’s gutem Teleobjektiv die ganze Wand aus verschiedenen Winkeln zu fotografieren. Dabei stieg ich bis zum Einstieg auf (nur eine gute Stunde) und konnte so auch einen Blick auf die Einstiegsverschneidung werfen. Wieder zuhause weihten wir auch Roman in unseren Plan ein und studierten die vielen neuen Wandbilder. Auf manchen denkt man sich, dass man dort nie hochkommt, auf anderen sieht’s wieder nach (vielleicht nur) IIIer Gelände aus. Egal – uns ist klar: wir wollen es versuchen.

Tag 1

Ende Juni ist es dann soweit. Die Bohrhaken (BH) sind da, Markus und ich machen einen Probetag im Klettergarten Andritz/Weinzödl um unsere neue Bohrmaschine zu testen und Logistisches zu überlegen – denn im steilen, schweren Gelände wollen wir die Bohrmaschine nicht am Gurt im Vorstieg mittragen. Am Sonntag schüttet es zwar noch laut Wetterbericht, aber für die Tage danach ist super, stabiles Wetter angesagt. Da Markus leider arbeitstechnisch zu beschäftigt ist, starten nur Roman und ich Montagmorgen Richtung Gesäuse. Wir wissen sowieso, dass wir die Wand nicht an einem Tag durchsteigen werden. Die Einstiegsverschneidung sieht vom Parkplatz aus ganz schön nass aus, der Rest aber recht gut. Ohne lange zu überlegen starten wir los – im Zweifelsfall bringen wir mal das Material zum Einstieg und kommen in ein bis zwei Tagen wieder. Der Zustieg ist nach dem Regenguss vom Vortag etwas anspruchsvoll und verlangt volle Konzentration. Am Einstieg angekommen sieht die Verschneidung einfach nur nass aus – auch die Seitenwände. Roman bleibt trotzdem motiviert und wir beschließen zumindest die ersten paar trockenen Meter zu klettern – bis dorthin wo wir uns überlegten den ersten BH zu setzen. Roman, der alpinistisch schon viel gemacht hat, hat noch nie einen BH gesetzt und ich erklärem ihm das Prozedere während ich den Einstiegshaken montiere – ist ja eh nicht so schwer.

Da Roman motivierter klingt die erste Seillänge zu versuchen, überlasse ich ihm gerne den Vortritt. Es läuft gar nicht so schlecht und schon bald ist der zweite BH gesetzt. Spätestens dann sind aber auch die letzten trockenen Stellen vorbei und Roman beginnt sich technisch mit Friends, Keilen, Normalhaken, Peckern und Trittleiter fortzubewegen. Nach dem vierten BH hält ein Keil nicht – zum Glück ist der Sturz nicht all zu weit. Von BH zu BH vergeht ungefähr eine halbe Stunde. Als Roman den letzten (10.) BH der ersten Seillänge setzen will, verhängt sich die Maschine beim Nachziehen und ich lasse ihn langsam ab. Dies ist leider zu viel für den Normalhaken, Roman stürzt ein zweites Mal doch der Friend knapp unterhalb hält. Kurze Zeit später erreicht er aber dann den Stand der ersten 45 Meter Seillänge.

Während dieser sehr zeitaufwendigen ersten Seillänge denken wir uns beide zwischendurch schon was das hier für einen Sinn macht, sprechen es aber nicht aus. Etwas Gutes hatte die verstrichene Zeit aber. Denn als Roman den Stand erreicht hat, sind die Seitenwände der Verschneidung fast ganz getrocknet und so kann ich einen Freikletterversuch starten. Es läuft recht gut und erst beim fünften BH muss ich pausieren. Nach etwas Umsehen gelingt mir auch diese Stelle frei und weiter geht‘s. Da es ja um nichts geht, setze ich mich beim vorletzten BH ein zweites Mal rein, steige dann aber auch den letzten Teil zu unser beider Freude frei durch. Bewertungsvorschlag VII+. Dies und der Anblick der leichter wirkenden zweiten Seillänge hebt die Motivation gewaltig und wir sehen den Sinn in unserem Unterfangen wieder. Da es schon recht spät ist, seilen wir ab, lassen das Seil zum jümarn hängen (sodass wir am Seil mit Steigklemmen aufsteigen können) und das restliche Material am Einstieg.

Tag 2

Zwei Tage später sind Roman und ich wieder vor Ort. Mit leichtem Gepäck geht’s zum Einstieg und in Kürze mit Steigklemme, Trittleiter und Grigri zum ersten Stand. Die zweite Seillänge sieht schon viel besser aus und der Vorstieg gehört mir. Nach einigen leichten Metern stehe ich auf einem Rasenpodest und setze meinen ersten BH im Vorstieg. Beim zweiten BH beruhigt ein zuerst geschlagener Normalhaken meine Nerven. Irgendwie hat das schon etwas – so ins ungewisse zu starten, keine Schwierigkeiten zu kennen und einfach nach Gefühl zu klettern. Mittlerweile kann ich den Fels ja schon ein wenig beurteilen und halte immer Ausschau nach den nächsten guten Tritten, von welchen aus man bohren könnte. So arbeite ich mich Haken für Haken hoch. Der letzte BH dieser Seillänge ist für mich der anspruchsvollste. Aus der Kletterstellung heraus und nur auf zwei halbwegsen Tritten stehend setze ich diesen BH. Danach geht es nach links in den kleinen Überhang, den ich mit dem roten Camelot (C4 1) im Untergriff absichere und (Gott-sei-Dank) Henkel darüber vorfinde. Auf dem Weg zum Stand, den ich etwas über dem Überhang in kompaktem Gestein setze, platziere ich noch einen C4 0.4.

Die dritte Seillänge sieht zum Glück deutlich leichter aus und Roman übernimmt wieder. Wir zielen nun den „Riss“ an und peilen den schon vom Stand ersichtlichen Baum an. 45 Meter und 3 BH später hat Roman Stand und ich starte mit dem schweren Rucksack. Als ich den Stand erreiche bin ich eigentlich geschafft und überlasse Roman auch die nächste Seillänge. Wir folgen nun dem eindeutigen „Riss“ und es geht ein wenig schneller voran. Die Kletterei übersteigt den V. Grad nicht, aber es wird zum Teil recht ausgesetzt und wir befördern auch einige größere Gesteinsbrocken (absichtlich) gen Einstieg. Von hier oben aus dauert es schon eine Weile bis diese irgendwo im Kessel aufschlagen und sich ihren Weg nach unten suchen. Zum Glück gibt es hierher keinen Wanderweg und sonst befindet sich auch niemand in unserer Umgebung. Da es am vierten Stand schon 16:30 ist, beschließen wir umzudrehen und nehmen das ganze Material wieder hinunter. Am Parkplatz stellt sich heraus, dass wir perfekt umgedreht sind, denn es tröpfelte und windete bereits am Abstieg und ein Regenguss brach los, als wir vom Parkplatz wegfuhren. Glück gehabt.

Tag 3

Eine gute Woche später sagt das Wetter wieder gut, wenn auch nicht so beständig an und wir planen wieder zwei bis drei Tage ein. Donnerstagabend geht es schon für Roman und mich ins Gesäuse und Markus kommt Freitag nach. Wir wollen dieses Mal früher einsteigen, da wir ja schon die ersten Seillängen klettern müssen um weiterbohren zu können. Roman und ich jümarn die erste Seillänge und ich steige die zweite vor – dabei bin ich überrascht von den Hakenabständen. Gar nicht so knapp was ich da gebohrt habe. Ein zweites Fixseil zum jümarn lassen wir hängen, damit wir diese Seillänge (ca. VI+) nicht jedes Mal klettern müssen. Kurze Zeit später erreichen wir den vierten Stand und Rückzugspunkt. Von hier geht es nach links einen nassen Kamin überquerend auf einen steilen, sehr ausgesetzten Pfeiler in genialem, extrem wasserzerfressenen und henkeligen Fels – ein Traum. Der Vorstieg gehört wieder mir und ich klettere dieses Mal mit der Bohrmaschine am Gurt. In diesem nicht so schweren Gelände deutlich besser, da man sofort bohren kann wenn man einen guten Griff in der Hand hält.

Auch die nächste Seillänge ist unglaublich. Eine nicht allzu schwere Verschneidung (ca. IV+) mit Gestein wie man es selten in der Hand hält. Über 25 bis 30 Meter hinweg ist der Fels extrem wasserzerfressen, absolut fest und unglaublich rau – Wahnsinn – da kommt Freude auf. In einer kleinen Nische macht Roman Stand unterhalb der vermeintlichen Schlüsselseillänge. Von den Wandbildern her haben wir nun die schwerste Seillänge erreicht, weil hier der Riss zu macht und die Passage senkrecht bis leicht überhängend aussieht. Bis zum ersten Haken ist es zwar nicht so leicht, geht aber noch recht gut. Danach endet die kurze Verschneidung und sehr ausgesetzte Wandkletterei beginnt. Da das Gelände für mich nicht so aussieht als ob ich nach ein paar Züge wieder einen guten Griff zum Bohren in der Hand halten würde, helfe ich mir mit Normalhaken, Peckern und Cliff – die Hakenabstände werden knapp. Nach der halben Seillänge drehen wir dann um, da es ziemlich zugezogen hat und zu winden beginnt. Immerhin brauchen wir noch die Zeit um wieder abzuseilen und abzusteigen und diesen Abstieg möchte ich unter keinen Umständen im Gewitter gehen müssen. Am Abend stößt dann auch Markus zu uns und wir freuen uns endlich zu dritt an der Route weiter zu arbeiten.

Tag 4

In der Nacht wache ich wegen eines Gewitters auf. Es regnet ganz schön – na super – das kann ja was werden. Aber wir wollen und müssen sowieso rauf – unser Material hängt zum einen am Einstieg und zum anderem am sechsten Stand. Der Zustieg ist recht nass und fordert wieder Konzentration und Trittsicherheit. Zum Glück sind die ersten beiden Seillängen versichert, denn die sind nass. Auch die nächsten zwei sind teilweise feucht und heute richtig ungut zu klettern. Das ist keine gelungene Vorstellung unserer Route für Markus. Der raue Pfeiler und die anschließende Verschneidung vom Vortag sind zum Glück trocken und Markus übernimmt den Vorstieg. Abermals sind wir alle vom Fels begeistert.

Ich steige in die Schlüsselseillänge wieder mit der Bohrmaschine ein und die erste Hälfte ist gleich geschafft, aber dort stecken auch schon die Haken vom Vortag. Spätestens von hier an ist das Gelände aber senkrecht bis leicht überhängend und ich sehe keine Chance hier frei zu klettern und zu bohren. Also technisch – was solls. Bei den nächsten Bohrhaken hänge ich mich mit einer Expressschlinge ein, steige so hoch wie möglich in die Trittleiter und gewinne unter Spannung maximale Höhe bevor ich überkopf den nächsten Bohrhaken setze. Sehr anstrengend und kraftraubend, aber das Ende des steilen Geländes rückt von Haken zu Haken in greifbarere Nähe. Bei den letzten beiden Haken geht mir schon fast die Kraft aus, aber der Wille siegt – ich erreiche den Stand nach zweieinhalb Stunden auf einem sehr schmalen Band mit ca. 230 Metern Luft unterm Hintern. So ausgesetzt habe ich mich überhaupt noch nie gefühlt. Vor allem da der Kessel am Wandfuß steil abfallend ist, wirkt die Tiefe noch weit mehr.

Roman steigt als erster nach und beschließt beim zweiten BH, dass es mit dem schweren Rucksack sinnlos ist die Seillänge kletternder Weise zu überwinden. Also packen Markus und Roman die Steigklemmen und Trittleitern wieder uns und jümarn am Seil hoch. Mit dem Rucksack kommt auch Wasser und etwas zum Essen am Stand an – ich bin ziemlich zerstört und es soll noch eine Weile dauern bis endlich wieder Energie vorhanden ist. Die nächste Seillänge sieht zum Glück wieder deutlich flacher und leichter aus und wir sollten das schwerste hinter uns haben. Als sich Roman für den nächsten Vorstieg bereit macht, sehen wir im Nordwesten, dass ein Berg nach dem anderen von einer Regenwand verschlungen wird und das Wetter kommt rasend schnell auf uns zu. Da sowieso geplant war von diesem, siebenten Stand die Abseilpiste einzurichten, sputen wir uns nun so schnell wie möglich aus der Wand zu kommen.

Dieser „direkte Abstieg“ ist aber auch nochmals sehr abenteuerlich. Vom siebenten Stand aus seilt man sich in überhängendes Gelände und hat erst nach 45 Metern wieder Felskontakt (Stand bei grasiger Verschneidung). Danach geht’s über eine senkrechte Plattenwand zu einem überdachten, breiteren Band auf dem wir sehr alte, rostige Normalhaken verbunden mit Seilstücke vorfinden. Wir müssten uns nun in der „unendlichen Geschichte“ befinden – vielleicht war dies auch gleichzeitig ein Biwakplatz. Hier warten wir gut geschützt das baldige Ende des Regens ab. Dann seilen wir zur großen Terrasse ab, an deren unteren Ende Roman Stand macht, bevor wir die letzte steile Wand erreichen. Das Gesäuse ist uns hier gnädig, denn in dieser letzten steilen Wand hält es oberhalb eines großen Überhangs ein sehr schmales Band für uns bereit von welchem wir ohne Felskontakt in exakt 50 Metern den Boden erreichen – länger wäre unser Seil nicht gewesen. Da der Wetterbericht am Tag darauf ab Mittag wieder Gewitter ansagt, packen wir unser Material und steigen ab.

Fazit: Bis jetzt Abenteuer pur! Die Fortsetzung findet man hier

2 Gedanken zu “Erstbegehung Pythagoras (1/2)

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