Weißer Streifen (VIII) Grazer Bergland

Conny und ich haben Mitte September 2016 zum ersten Mal die Kugelsteinbasis aufgesucht und nach der Aufwärmtour (Cäsium, VI+) ganz links probierten wir aus praktischen Gründen die erste Seillänge des Weißen Streifens – eine steile Tour mit fünf Seillängen in den Schwierigkeiten (VIII-, VII, VIII, VIII, VII). Die erste Seillänge ist eigentlich recht schön, auch wenn sie schon abgeschmiert ist und ich konnte sie im zweiten Versuch Rotpunkt klettern. Als ich zu Hause noch einmal den Kletterführer durchblätterte blieb ich nochmals beim Weißen Streifen hängen und da stand, dass es eine tolle Linie ist und nur die erste Seillänge abgeschmiert sein soll. Und so dachte ich mir: Ein Mehrseillängenprojekt – das hab ich noch nie gehabt. Bis dato sind wir eigentlich nur Mehrseillängenrouten gegangen, von denen ich gehofft habe sie Onsight klettern zu können und das hat sich glücklicherweise fast immer als richtige Einschätzung entpuppt.

Der Weiße Streifen ließ mich aber nicht mehr los und so war ich zwei Tage später mit Stef wieder dort um die oberen Seillängen anzusehen. Und tatsächlich: abgeschmiert ist es da oben nicht mehr und mit Klebehaken auch saniert, so dass man problemlos jederzeit umdrehen kann. Wir starteten mit Respekt, immerhin ist die Tour zwar sportklettermäßig, aber obligat eingebohrt, steil und ständig ausgesetzt. Ich stieg vor, doch in der dritten Seillänge war an diesem Tag Schluss. Zwar kam ich mit viel Probieren und Sitzen (vor dem achten Grad obligat hatte ich dann doch Respekt) bis zum fünften Haken, doch dann sagte Stef, dass er diese Seillänge nicht mehr nachsteigen wird – das Gefühl der Ausgesetztheit und 35m Luft unterm Hintern am zweiten Stand hatten ihn zu sehr eingeschüchtert. Also drehten wir an Ort und Stelle um und kletterten noch etwas an der Basis. Nichtsdestotrotz hatte mich diese erste Hälfte überzeugt. Technische Wandkletterei, nach der ersten Seillänge Gestein wie am Hasenstein, mitunter Tropffels, rau und überhaupt nicht abgeschmiert – gute Züge – was will man mehr?

Am darauffolgenden Sonntag war ich mit Conny wieder beim Kugelstein. Geplant war zwar an der Basis zu klettern, doch wir entschieden spontan, nochmals die dritte Seillänge des Weißen Streifens anzuschauen. Bis zum fünften Haken kam ich dieses Mal (zwar mit Sitzen aber) ohne Probleme, konnte auch diese Stelle überwinden und erreichte den Stand. Da gar nicht geplant war weiter zu klettern, ließ Conny mich wieder ab und ich probierte die Seillänge nach auschecken der Schlüsselstelle beim fünften Haken nochmals von unten. Leider kein Durchstieg, aber zumindest alle Züge konnte ich klettern. Und damit endete auch das Probieren des Weißen Streifens für das Jahr 2016.

Im Frühjahr 2017 – als die Temperaturen endlich wieder erträglich wurden und ich über die Projekte für das heurige Jahr nachdachte, kam mir wieder der Weiße Streifen in den Sinn. Da Stef nicht so begeistert war und Conny ausfiel (Hüft OP), fragte ich Markus, ob nicht er Lust hätte mich zu begleiten. Doch seine erste Antwort war ungefähr: „Zum Kugelstein? Aber nicht wirklich!?“. Stimmt, eigentlich steht der Kugelstein an der falschen Stelle. Mit der Auto- und Eisenbahn im Nacken kann es schon mal etwas lauter werden. Und der naturverbundene Kletterer mag dann doch vielleicht lieber die grünen Wiesen und die Stille, wie man sie an vielen anderen Felsen findet. Auf jeden Fall konnte ich Markus doch überzeugen zumindest einmal mit zu kommen und der Route eine Chance zu geben.

Gesagt – getan. Kurz darauf waren wir wieder dort und Markus gefiel die Route auf Anhieb. Denn in so einer Mauer zu klettern hat schon was. Steil und ausgesetzt – technisch, eigentlich durchwegs interessant und meist super Fels. Der Plan war erstmals überhaupt den letzten Stand zu sehen, was uns auch gelingen sollte. Wir kletterten die VI+ Aufwärmtour und stiegen dann gleich in der zweiten Seillänge ein. In der vierten Seillänge schummelte ich mich A1 (technisch mit Trittschlinge) über das VIIIer Dach, da ich noch keine Lösung finden konnte. Da an dieser Stelle die Haken sehr knapp sind, funktioniert die technische Kletterei einwandfrei. Die letzte Seillänge beginnt senkrecht (eher VII als VII-) und wird dann zu einer traumhaft wasserzerfressenen Platte bevor es auf den letzten Metern ein wenig botanisch, dafür aber nicht mehr allzu schwer, wird. Beim Abseilen probieren wir nochmal das VIIIer Dach in der vierten Seillänge und finden eine relativ einfache, schöne Lösung wenn man vom Haken im Dach leicht rechts geht statt gerade zum nächsten (dieser lässt sich aber ohne Probleme einhängen).

Nun da alle Stellen geklettert sind, können die Durchstiegsversuche beginnen. Eine Woche später waren Markus und ich wieder vor Ort und ich stieg die ersten beiden Seillängen auf Anhieb durch. In der dritten stürzte ich zwei Mal beim fünften Haken und verzichte auf einen dritten Versuch, da ich mir nicht sicher war wieviel Kraft ich noch für den Rest aufheben sollte. Die letzten zwei Seillängen gingen aber zum Glück recht leicht von der Hand. Somit schaffte ich es an diesem Tag vier der fünf Seillängen Rotpunkt zu gehen.

Eine weitere Woche später dann der Durchstiegstag. Markus und ich wärmen dieses Mal mit der VI+ auf. Nach zwei Pausetagen fühle ich mich richtig fit und auch die ersten Meter der ersten VIII- Seillänge fühlen sich sehr gut und entspannt an. Vielleicht ein bisschen zu gut und so verhaue ich mich auf den letzten Metern zum Stand, werde unglaublich schnell gepumpt und stürze. Na gratuliere. Also alles wieder auf Anfang. Erste Zweifel kommen auf, ob das heute mit dem Durchstieg noch was wird. Im zweiten Versuch gelingt mir aber diese Seillänge und die Motivation ist auch wieder da. Die zweite Seillänge fällt mir dieses Mal recht leicht und lockert mich wieder auf. Heute ist es deutlich kühler als letztens und eine leichte Brise sorgt für richtig viel Reibung. Der Beginn der dritten Seillänge läuft wie am Schnürchen und ich erreiche sehr entspannt den fünften Haken und die Schlüsselstelle. Kurz nochmal Schütteln und durchziehen. Ich bin überrascht wie gut sich die Stelle heute anfühlt, mache Züge statisch die ich bis dato (zumindest leicht) dynamisch machen musste und erreiche den Stand – sturzfrei – zum ersten Mal. Das VIIIer Dach in der vierten Seillänge macht richtig Spaß und auch der gemeine Überstieg in die kurze Platte fühlt sich heute gut an. In der fünften und letzten Seillänge freue ich mich schon beim dritten Haken, denn nun sollte wirklich nichts mehr schief gehen. Glücklich und zufrieden erreiche ich den letzten Stand. Rotpunkt. Es ist geschafft. Markus steigt heute leider nicht alle Seillängen im Nachstieg durch. Egal – jede einzelne hat er während des Probierens schon geschafft.

Fazit: Leider steht der Kugelstein an der falschen Stelle. Die Kommunikation wird hier schon mal auf die Probe gestellt. Da die Tour aber steil und geradlinig ist, besteht aber in der Regel Sichtkontakt. Die Tour selbst hat mir richtig gut gefallen. Rauer Fels, technische Kletterei, überhängend, mit dem einen oder anderen Dach in der vierten Seillänge – und so ausgesetzt – genial!

Toureninfo: 1.SL VIII-, 17m, 5BH; 2.SL, VII, 17m, 4BH; 3.SL, VIII, 18m, 6BH; 4.SL VIII, 23m, 9BH; 5.SL VII, 24m, 9BH. Mit 50m Einfachseil kommt man auch wieder runter. Beim zweiten Abseilen (4. Seillänge) empfiehlt es sich aber zumindest den dritten BH (von unten gezählt) wieder einzuhängen. Alle Stände sind mit Reepschnur fix verbunden. Mit 70m Einfachseil kommt man vom zweiten Stand wieder zum Boden.

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